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Natur(-)Geschichte und Geschichten - Feierlicher Höhepunkt "Grünes Band Aktiv"

Feierlicher Höhepunkt des Projektes „Grünes Band Aktiv“ der Stiftung Naturschutz Thüringen: Metallskulptur aus Grenzzaunmaterial am Grünen Band in Titschendorf eingeweiht

„Jeder erinnert sich an seine eigenen Erfahrungen. Sich darüber mit den nachfolgenden Generationen auszutauschen ist wichtig. Wichtig ist aber auch, nicht zu verallgemeinern.“ So Heiko Surek, der Schöpfer des „Traumfängers“, einer Metallskulptur aus dem Originalmaterial des Grenzzauns, die man jetzt am Grünen Band bei Titschendorf am Aussichtsplatz nach Nordhalben bewundern kann.

Zwei Wochen lang haben freiwillige Helfer und internationale Gäste aus vielen europäischen Ländern auf Initiative der Stiftung Naturschutz Thüringen aktive Landschaftspflege am Grünen Band südlich von Bad Lobenstein und Wurzbach betrieben. Im Rahmen des durch ENL geförderten Projektes „Grünes Band Aktiv“ wurde in Bereichen des ehemaligen Grenzverlaufes gerodet, gejätet und gemäht. In intensiver und behutsamer Handarbeit gaben die Freiwilligen dem Naturraum den Zustand zurück, der in den Jahrzehnten  der Grenze so vielen Tier- und Pflanzenarten einen seltenen Zufluchtsort gab – das sogenannte Offenland.

Seinerzeit wurde zwecks Freihaltung des Kontrollbereiches entlang der Grenze die dortige Vegetation stets kurz gehalten. Paradoxerweise entstand so, infolge einer menschenverachtenden Doktrin, in der das Leben des Einzelnen nichts zählte, ein Naturraum in einer Art und Ausdehnung, wie er in Europa einmalig ist. Unzähligen Arten, die anderswo durch die rasante Ausbreitung der intensiven Landwirtschaft ihren Lebensraum verloren, fanden an der menschenfeindlichen Grenze einen Rückzug und neue wertvollen Lebensraum. Jahrzehntelang entwickelte sich so durch die relative Ungestörtheit und durch das konsequente Niederhalten der Vegetation am Grenzverlauf ein unschätzbar wertvoller Biotopverbund.

Diese Einzigartigkeit war schon zu Grenzzeiten durch Naturschutzinteressierte und -verbände erkannt worden und mit dem Fall der Grenze gelang es, das „Grüne Band“ als europaweiten Naturraum zu etablieren. Dies verhinderte jedoch nicht die streckenweise starke Zerstückelung des Biotopverbundes durch Rückübertragung von Flächen in landwirtschaftliche Nutzung, durch Versiegelung infolge Straßenbaus und andererseits das unaufhaltsame Zuwachsen der Bereiche, deren bisherige Offenhaltung nun nicht mehr gewährleistet war.

Hier setzt die Tätigkeit der Stiftung Naturschutz Thüringen an. Als Eigentümerin des überwiegenden Flächenanteils am Grünen Band Thüringen hat sie sich zum Ziel gesetzt, das Grüne Band als durchgängigen Biotopverbund und als Erinnerungsort wieder herzustellen und zu erhalten.

In diesem Kontext entstand das Projekt „Grünes Band Aktiv“, das Geschichts- und Naturinteressierten die Möglichkeit bietet, in Naturräumen mit Historie und ungezählten noch unerzählten Geschichten, mit Arm- und Tatkraft etwas für den Erhalt dieses unvergleichlichen Biotops zu tun.

Im Lauf der letzten eineinhalb Jahre fanden so an verschiedenen Abschnitten des Grünen Bandes Thüringen in engem Zusammenwirken mit u.a. dem Landschaftspflegeverband Ostthüringer Schiefergebirge- Obere Saale e.V. eine Reihe von Arbeitseinsätzen und Workshops statt, in denen die Teilnehmer nicht nur der Natur halfen, sondern auch selbst viel Neues erfahren und lernen konnten. So gab es u. A. Wissenswertes  zu verschiedenen floristischen und faunistischen Besonderheiten  und Unterweisungen im Umgang mit der Handsense; eine Fähigkeit, die mit der Technisierung Landwirtschaft kaum noch anzutreffen ist. Darüber hinaus ergaben sich im Kontakt zu den langjährigen Anwohnern der Grenzregion Gelegenheiten zu Erfahrungsberichten und Erinnerungsbildern, die in keinem Geschichtsbuch auftauchen, manch neuen Blick auf die Vergangenheit eröffnen und in ihrer Authentizität oft tief berühren.

Zum zweiten Mal in Folge fand diesen August ein Sommercamp am Grünen Band statt, in dem Freiwillige Helfer tageweise oder bis zu zwei Wochen mitwirken konnten. In diesem Jahr gelang es, im Rahmen eines internationalen Workcamps zusammen mit dem Naturpark Thüringer Schiefergebierge – Obere Saale, Jugendliche aus verschiedenen europäischen Ländern ins Grüne Band zu holen, die hier tatkräftig mit anpackten und dabei auch gleich ihre Deutschkenntnisse verbessern konnten. In den Herkunftsländern einiger Teilnehmer, wie zum Beispiel der Studentin Bogdana aus der Ukraine, sind Themen wie Grenzverläufe und Schussfelder im Zuge der aktuellen politischen Entwicklungen hochaktuell. Dort gehen gegenwärtig tagtäglich Träume zu Bruch und es entstehen neue Träume von Frieden und Zukunft. Für die deutschen Freiwilligen bekam der Rückblick auf die hiesige Geschichte damit eine neue Perspektive.

Mit einem kleinen Festakt wurde zum Abschluss des Camps und zum vorläufigen Abschluss des aktuellen Projektes „Grünes Band Aktiv“ der vom Arnstädter Künstler Heiko Surek geschaffene „Traumfänger“ eingeweiht. Entstanden aus dem Streckmetall des Grenzzauns und versehen mit einer Vogelskulptur aus rostigem Bewehrungsstahl, dem „Rost“kehlchen, lädt das Kunstwerk zu Erinnerung, Austausch und Ausschau ein. Dabei befindet es sich zwischen zwei Birkenstämmen und gleichzeitig inmitten einer stilvollen Komposition neu geschaffener Bohlenbänke. An den einzelnen Elementen dieser Sitzgruppe geben kleine Bildtafeln Auskunft zu Grenze, Kunstwerk und Grünem Band und laden zu weiterem Engagement im Naturschutz ein. Zwei an der Skulptur mittel Bändern befestigte Metallstifte geben die Möglichkeit, auf den im Gelände reichlich vorhandenen Schieferstücken, Gedanken und Ideen zu hinterlassen. Am Fuße der Birken stapeln sich bereits jetzt zahlreiche Schieferplatten, auf denen die Campteilnehmer ihre Gedanken eingeritzt haben. Die Bankgruppe wurde vom Naturpark Thüringer Schiefergebirge-Obere Saale hergestellt und installiert. Die Leiterin des Projektes „Grünes Band Aktiv“, Stella Schmigalle von der Stiftung Naturschutz Thüringen und auch die Leiterin des Naturparkes, Christine Kober gaben ihrer Hoffnung Ausdruck, dass sich der Einsatz von Freiwilligen zugunsten des Grünen Bandes weiter entwickelt und zu einer festen Einrichtung wird. Direkt vor Ort wurde dazu eine Patenschaftsvereinbarung zwischen der Stiftung Naturschutz Thüringen und der Gemeinde Titschendorf zu den frisch gepflegten Flächen und dem Aussichtsplatz am Grünen Band unterzeichnet. Auf den neuen Bänken sitzend genossen die Besucher und Mitwirkenden des Projektes und der Veranstaltung teils angeregt diskutierend, teils andächtig den grenz(en)losen Ausblick in die wunderbare thüringisch-bayerische Landschaft und ins benachbarte Nordhalben.